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Athletenbericht von Ralf Buchenau
Ironman 70.3 Wiesbaden 2009
Mein erster Triathlon - Bericht von Ralf Buchenau
Da stehe ich nun kurz vor dem Start am Ufer, blicke über den Hafen
entlang der gelben Bojenreihe und wundere mich ganz kurz, warum wohl die
rote Wendeboje so garnicht zu sehen ist. Für Momente fällt die ganze
Aufregung ab, denn alles ist vorbereitet, durchdacht und entschieden.
Jetzt geht es endlich an's Eingemachte und das Räderwerk soll ablaufen.
Nette Plauderei mit meinem Nachbarn, der sich auch gerne einen 30 Euro
Shorty bei Aldi gekauft hätte so wie ich. Einer der vielen Aspekte, die
einen Rookie sehr nervös machen können - z.B. die Furcht, man könne evtl.
frieren. Wohl eher unwahrscheinlich bei Temperaturen um 30 Grad und
24 Grad im Wasser. Daß ich nicht den leichtesten Einstieg für meinen
ersten Triathlon gewählt habe, der Gedanke ist mir einige Zeit nach der
Anmeldung auch schon gekommen. Für einen Bremer ist die Welt im wesentlichen
flach, der Norddeutsche blickt gerne bis zum Horizont, während
er endlose Radkilometer auf dem Deich abspult. Das Profil der Radstrecke
in Wiesbaden ist als solche auch flach, aber nur solange man es lediglich
auf dem Monitor betrachtet. Hoffentlich hat die Trainingsfahrt im Weserbergland
und die Tour bei Rad am Ring auf dem Nürburgring etwas gebracht. Nach
der "Hohen Acht" mit einer sagenumwogenen 17% Steigung dort kann mich
eigentlich nichts mehr schocken!
Also los, aus der Vorstartzone ab in's Wasser. Kurze Umdisposition und
die Schwimmbrille nun doch vorher in's Wasser getaucht, damit sie nicht
beschlägt und den Riemen dann _unter_ die Bademütze - das habe ich
auch schon Wochen vorher entschieden. Hmm, ist das wirklich noch normal?
Zu solchen Betrachtungen ist es nun aber definitiv zu spät, also rein
in den Hafen und ab zur Startlinie. Ich muß mich im Bruststil durchkämpfen
und will mich aus allem raus halten, also schön hinten bleiben und dann
den kürzesten Weg entlang der Bojen finden. Im Schwimmbad bin ich die
Distanz mal in 52 Minuten geschwommen, vielleicht wird es nun ja noch
etwas schneller. Der Kopf neben mir lächelt mich an, er will wohl was
loswerden: "ich muß brustschwimmen und werde wohl Letzter". Nein, nein,
mein Freund, Du bist nicht allein.. Und schon geht es los. Jetzt schön
locker bleiben und den Rhythmus finden. Geht doch. Ein paar Wasserpflanzen,
die sich um die Arme wickeln irritieren etwas, aber das ist kein Problem.
Immer schön gleichmäßig und irgendwie versuchen den Kraulern auszuweichen.
Hoppla, die gelben Bojen entfernen sich deutlich. Man, du wolltest doch
den kürzesten Weg schwimmen, pass mal auf. Und schön gleichmäßig weiter.
Theoretisch sollte doch irgendwann die Wendeboje zumindest in Sicht
kommen!?
Plötzlich fängt das Wasser an zu kochen, was ist denn nun los? Ach ja,
die M35 sind ja nach uns M45 gestartet und so werde ich nun "überkrault".
Eine herzliche Entschuldigung an alle, denen ich Fußtritte in's Gesicht
verpasst habe - leider konnte ich nicht minutenlang meine Schwimmbewegungen
einstellen. Aber nun geht es auch schon um die Boje und es ist gleich
geschafft. Oder auch nicht. Es zieht sich. Noch einmal werde ich überkrault,
das müssen die als letztes gestarteten Staffelschwimmer sein. Ob ich die
gelben Bojen mal zählen sollte, vielleicht gibt das ja Hoffnung dafür, daß
man wirklich vorankommt. Irgendwie ist eine Wendestrecke im Hafen deutlich
was anderes als ein Schwimmbad, wo man in 50 Meter Takten zählt. Aber da
ist der Ausstieg schon in Sicht und ich darf an mein geliebtes Rad denken,
das sicher ungeduldig auf mich wartet. Raus aus dem Wasser und
lostrotten. Verdammt, wo ist dieses blöde Band hinten am Neo? Himmel, ah, da.
Und nun am Zelt vorbei, rechts, am letzten Dixie-Klo wieder rechts:
tata, mein Rad. Schon ziemlich allein im Bike-Park. Es scheinen auch schon
viele M45 auf der Piste zu sein. Und los: Neo runter und in die Wanne;
Handtuch, Füße abtrocknen, Socken, Schuhe, Startnummer, Handschuhe, Brille,
Helm. War noch was? Nee, und los.
"Hinter der Linie aufsteigen", "hinter der Linie aufsteigen" - ja, ja,
ich werde mich doch nicht hier disqualifizieren lassen. Endlich auf's Rad -
oh ist das schön! Das fühlt sich gut an. Das Leben ist schön. Die Aerobars
haben nach gefühlt tausend Korrekturen nun genau die richtige Lage und
das extra noch angeschaffte Aero-Trinksystem ist wirklich komfortabel. So
könnte es immer weitergehen, aber diese Herrlichkeit ist schnell vorbei.
Es geht aufwärts, ziemlich aufwärts und immer weiter aufwärts. Und es ist
heiß und einen kleineren Gang finde ich nicht. Glücklicherweise gibt mir
ein Referee den guten Ratschlag, daß ich meinen Überholvorgang doch lieber
zügig beenden und dann wieder ganz rechts fahren solle. Ohne diesen Tip
wäre ich vielleicht noch langsamer geworden und evtl. einfach umgekippt!
Irgendwann kommt die Bottle-Station ohne Bottles - macht nichts, ich bin
Selbstversorger. Ab hier fängt die Erinnerung an zu verschwimmen; sicher
ist, daß es irgendwann wieder abwärts gegangen ist. Das macht wirklich
Spaß, unterm Strich hat das Zusammenspiel von Aufwärts und Abwärts aber
ein eindeutiges Spaßdefizit. Positiv die Zuschauer, die einen über die
heikelsten Stellen klatschen oder einfach nur in den Ortschaften Stimmung
machen. Um mich zu bedanken fehlt leider häufig die Kraft. Bei Kilometer 50,
offenbar nachdem es wieder aufwärts ging, sagen meine norddeutschen
Flachländermuskeln, daß ich die heutige Trainingseinheit doch nun beenden
solle. Das habe ich eigentlich nicht vor und so laviere ich ab hier mit
Krämpfen in beiden Beinen und habe Schiss vor jeder noch so kleinen Steigung,
weil ich fast keinen Druck mehr auf die Pedale bringen kann ohne daß meine
Oberschenkel explodieren. Ob man mit solchen Beinen überhaupt noch laufen kann?
Ja, kann man! Nach dem letzen Radabschnitt, der nur normale Qualen brachte,
und einer erholsamen Abfahrt rein nach Wiesbaden, kann ich mein Rad schon
abgeben und in's Wechselzelt trotten. Jetzt dran denken alle Radaccessoirs
abzulegen, Schuhe an, Cap auf - nein, keine Sonnebrille versichere
ich der netten Dame, die mir hilft. Bevor ich mich bedanken kann ist
sie schon weg um den nächsten Verrückten zu betreuen. Und ich muß auch
los. Es geht. Unglaublich - keine Spur von Krämpfen jeglicher Art. Vielleicht
hat der Kurpark entsprechenden Einfluss auf meine Muskeln, vielleicht
durch unterirdische heiße Quellen, die irgendwelche Schwingungen produzieren.
Was fehlt und immer mehr zum Problem wird, ist Energie. Die Kohlenhydrate
wirken bei mir irgendwie nicht, eventuell ein Gendefekt. Um mich herum
haben viele Läufer, aber auch Geher, neckische bunte Haargummis um ihre
Arme geschlungen. Ein buntes Treiben sozusagen. Und da steht Andree und
sieht mich nicht. Hallo hier! Mein lieber Bruder, der sich zur Unzeit extra
zwei Tage Urlaub genommen hat um mich zu unterstützen. Auf diesem Wege
nochmals vielen Dank. Es hat gut getan ein bekanntes Gesicht zu sehen
und jemanden zu haben, der einen Anfänger bei dem ganzen Drumherum einer
solchen Veranstaltung tatkräftig unterstützt.
Ehe ich mich versehe habe ich auch schon ein Haargummi am Arm. Das ging
aber schnell, waren das wirklich schon 5 km? Wohl eher nicht, die Bänder
gibt es schon vor Beendigung der ersten Etappe. Nach tatsächlicher
Beendigung der ersten 5 km stellt sich leider eine gefühlte Distanz von
mindestens 7 km ein. Und die erhöht sich subjektiv noch weiter, aber das
kenne ich ja schon vom Marathon her. Auch das Problem nach Gehpausen an
den Verpflegungsstellen wieder an's Laufen zu kommen. Gehen macht
eigentlich viel mehr Spaß, obwohl ich mir Geher im Fernsehen im allgemeinen
nie ansehe. Viele andere scheinen genau meiner Meinung zu sein und so
mancher hat sich sogar spezielle Kompressionssocken zum Gehen zugelegt.
Mit manchen dieser Typen kann man kurz in's Gespräch kommen - ein alter
Trick meines Ichs um davon abzulenken, daß ich eigentlich längst wieder
laufen müßte. Manche scheinen aber auch gänzlich humorlos zu sein - jedenfalls
momentan - und tragen wollte mich überhaupt keiner! Irgendwann
neigt sich aber auch der schönste Wettbewerb dem Ende entgegen und so
trotte ich mit einem freundlichen PlitschPlatsch aus meinen mit Wasser
vollgelaufenen Schuhen die letzten Meter dahin. An der "Wasser-über-den-
Kopf-gieß" Technik muß ich noch feilen. Und so geht es auf die Zielgrade
und ja, einen klitzekleinen Moment muß ich schlucken und mir kommt ein
kleines Tränchen und ich bin im Ziel!
Nun kann ich mich mit Fug und Recht Triathlet nennen und daß ich nach
einem 70.3 kein Ironman bin, sondern bestenfalls ein Ironmännchen, daran
kann man im nächsten Jahr vielleicht noch was machen. Ich kann mich schon
fast nicht mehr daran erinnern im Kurpark gesagt zu haben, daß das Thema
Langdistanz damit wohl erledigt ist. Das war wohl jemand anders mit einer
sehr ähnlichen Stimme. Das ist jetzt aber alles egal und über eine Zeit
von 7:13 h kann ich mich auch später noch ärgern. Die hatte ich mir so
nicht vorgestellt. Die Finishermedaille hängt jedenfalls nun neben diversen
anderen am Haken und sieht eigentlich garnicht viel anders aus als die.
Aber gestern abend im dunklen Arbeitszimmer hatte ich fast den Eindruck,
als würde ich dort aus der Ecke ein ganz zartes Glühen sehen..
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